Angst-Barometer


Wirtschaft
Anleger, hört die Signale – noch ist die Zeit nicht reif
Das Angstbarometer hat seinen höchsten Punkt nicht erreicht – clevere Investoren warten auf die Trendwende und schieben den Aktienkauf hinaus

HANS PETER ARNOLD

Die UBS-Aktie machte in den vergangenen zwei Wochen Bocksprünge: Mal ging es bis zehn Prozent runter; dann wieder zehn Prozent rauf. Doch die Aktie der Schweizer Grossbank ist kein Einzelfall. So fuhren selbst Aktienkurse der Luxuskonzerne Achterbahn – allerdings auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Schliesslich reflektiert sich die Unsicherheit der Anleger in den Leitindizes der Aktienmärkte. «Die Stimmungsindikatoren signalisieren, dass die Kurse noch keinen sicheren Boden gefunden haben», erklärt Manfred Hofer, Senior Investment Analyst bei LGT Capital Management.

LGT hat im Bereich Börsenpsychologie und Verhaltensökonomie eine langjährige Erfahrung und implementiert das Wissen in ihre Anlagepolitik. Das Angstlevel der Anleger ist gemäss Hofer noch nicht hoch genug. Für einen klar erkennbaren Kulminationspunkt wären Sentiment-Extremwerte wie im Herbst 2008 dienlich. Ein Ausverkauf (Sell-off) gilt als klares Signal für eine Trendwende – daher ein Kaufsignal für clevere Aktionäre.

Das von der SonntagsZeitung berechnete Angstbarometer zeigte Anfang August ein Mehrjahreshoch. Nach einem Rückfall stieg das Barometer wieder an. Die Ängste bezüglich Rezession und Verschlechterung des Arbeitsmarktes sind weiter gestiegen.
Die Internetnutzer sind jedoch weniger stark fokussiert auf die Aktienmärkte. Das Angstbarometer misst auf Basis der Google-Datenbank das globale Interesse der Menschen an Wirtschafts- und Börsenthemen. Das Barometer bildet einen Resonanzboden und zeigt, wie ernsthaft die aktuellen wirtschaftlichen Probleme für die Internet- und Mediennutzer sind.

Anleger sollten merken, dass Börsen nicht rational reagieren

«Die Börse reagiert gerade mal zu zehn Prozent auf Fakten. Alles andere ist Psychologie», pflegte der Altmeister André Kostolany zu sagen. «Kaufe in der Panik» oder «Kaufe, wenn die Kanonen donnern», heissen weitere bekannte Börsenredewendungen, die zum antizyklischen Handeln motivieren.

Behavioral Finance macht sich psychologische Faktoren zunutze. Wer im richtigen Moment gegen den Markt spekuliert, kann schliesslich viel Geld verdienen. Panik und Ausverkaufsstimmung herrschten beispielsweise im März 2003, zu Beginn des zweiten Irakkrieges. Danach folgte eine lange Erholung.

Börsenpsychologie hat immer dann Hochkonjunktur, wenn herkömmliche Bewertungssysteme versagen. Wenn Analysten mit fundamentalen Unternehmenskennziffern in Argumentationsnöte geraten.

«Die vergangenen Monate müssten doch nun wirklich dem allerletzten Zweifler klargemacht haben, dass Märkte nicht rational sind», meint Thorsten Hens, Professor für Finanztheorie, Institute for Banking and Finance, Universität Zürich. Er verweist etwa auf die Ratingagentur S & P, welche die US-Obligationen herabgestuft hatte.
Am selben Tag stiegen die Kurse der nun schlechteren Papiere, und die Realwerte (Aktien) sind eingebrochen. Vor allem aber helfen die Ergebnisse der Verhaltensökonomie, Anlagefallen wie Herdentrieb, Überreaktionen oder Selbstüberschätzung zu entrinnen. «Entscheidend ist, dass der Anleger eine Strategie findet, die er durchhalten kann – in guten wie in schlechten Zeiten», sagt Thorsten Hens.

Er warnt jedoch: Mit Behavioral Finance könne man nicht zwangsläufig bessere Prognosen erstellen. Die Strategien würden vielmehr auf typischen psychologischen Fallen basieren. «Je volatiler die Märkte sind, desto besser funktionieren Strategien, die bei Einzeltiteln oder Indizes nach einem Crash auf einen Rebound setzen.» Da Hens für die Zukunft eher volatile, seitwärts tendierende Märkte erwartet, scheint es für ihn sinnvoll, nach einfachen Regeln leicht gegenläufig zu investieren.

Das heisst vor allem: eine Aktienquote zu fixieren und regelmässig ein Rebalancing (Ausbalancieren) durchzuführen. Konkret bedeutet dies, dass bei weiterem Absacken der Aktienpreise entsprechende Anlageklasse aufgestockt werden muss, damit die ursprünglich definierte Quote (im Vergleich zu Obligationen, Cash etc.) wieder erreicht ist. Hens: «Obwohl der Markt insgesamt nach jedem Durchlauf eines Zyklus wieder dort steht, wo er angefangen hat, macht man damit dennoch eine nette Rendite.»

Politische Lösungen beeinflussen die Märkte positiv
Hofer von LGT beobachtet auch die Geldflüsse. Hier kündigt sich allerdings keine Trendwende an: Institutionelles Geld fliesse weiter in defensive Sektoren und Dividendentitel. Abgesehen vom europäischen Bankensektor seien jedoch noch keine Extremwerte erreicht worden, die antizyklisches Handeln veranlassen würden. Zu beachten sei allerdings, dass derzeit die Politik und Institutionen die Märkte fest im Griff hätten. Tragfähige politische Lösungen hinsichtlich der europäischen Schuldenkrise würden die Märkte nachhaltig positiv beeinflussen.

Nervensache Finanzen
Behavioral Finance ist eine der jüngsten Richtungen der Kapitalmarktforschung, die den Fokus auf die psychologische Komponente beim Bilden von Anlageentscheidungen richtet. Die klassische Theorie geht mit Blick auf die Finanzmärkte von Menschen als rational agierenden Subjekten aus. Behavioral Finance versucht nun, dem nicht immer logischen menschlichen Handeln in Finanzangelegenheiten auf die Spur zu kommen. Sie untersucht, wo und weshalb es zu kognitivem Fehlverhalten und falschen Schlussfolgerungen kommt. Enger gefasst ist der Forschungszweig Neuro-Finance, bei dem Finanzmarktspezialisten mit Neurologen kooperieren.


Analyse von Google-Suchbegriffen statt Stimmungsindizes

Behavioral Finance untersucht vor allem die biologischen Ursachen typischer Anlagefehler: So bestimmt die Grösse des Angstzentrums im Gehirn den Umgang mit möglichen Verlusten.
«Jetzt kann man den Anlegern ins Gehirn schauen, um die biologischen Ursachen der typischen Anlagefehler zu durchleuchten», umschreibt Professor Thorsten Hens den neusten Trend in der Behavioral-Finance-Forschung. Hens gehört weltweit zu den führenden Wissenschaftlern in der Sparte der Verhaltensökonomie. Und was sieht man im Gehirn? «Erstaunlicherweise ist zum Beispiel die Aversion gegen Verluste signifikant durch die Grösse des Angstzentrums (Amygdala) vorbestimmt.» Behavioral Finance hat jüngst auch die Medien entdeckt. Dazu Hens: «Wir entwickeln Strategien, die auf Agenturtexten von Bloomberg, Thomson Reuters, aber auch auf Google-Suchbegriffen und auf Twitter basieren.» Diese Informationsquellen seien näher an der Stimmung des Marktes als Umfragen, die man bislang dafür benutzt habe.

Der Einfluss der Medien auf die Märkte, die Zunahme an High-Frequency-Trading und das menschliche Verhalten in Situationen der Ungewissheit stehen heute gemäss Manfred Hofer von LGT Capital Management im Fokus. In den letzten Jahren habe sich die Medienlandschaft dramatisch verändert: «Machine Readable News» (computerisierte Auswertung von Nachrichten) sei nur eine der Innovationen, welche dazu führt, dass Nachrichten für Investoren sofort verwertbar sind. «Diese Auswirkungen sind gleichermassen faszinierend und neuartig und können Investitionsmöglichkeiten bieten», meint Hofer. Weiter gelte es, den Einfluss von Blogs, Internetforen und Suchmaschinen wie Google auf das menschliche Verhalten zu verstehen. Google ermöglicht einem Forscher, nicht nur jene Nachrichten, welche passiv auf die Markteilnehmer einwirken, sondern auch solche, welche aktiv gesucht werden zu identifizieren und zu quantifizieren.

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