Leading Indicators: Der Zeit voraus










Der Zeit voraus
Bilanz; 07.09.2012; Ausgabe-Nr. 16; Seite 96

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Invest Indikatoren
HANS PETER ARNOLD

Investoren gieren nach Konjunkturdaten. Neue Indikatoren wie Google-Suchabfragen oder Luftfrachtraten können Anlegern für die Börse richtungsweisende Anhaltspunkte geben.

Prognosetool Suchmaschinen. Auf solch ungenaue Prognosen können Investoren nicht setzen. Hilfreich kann es für Anleger sein, Beobachtungen im eigenen Umfeld zu machen: zum Beispiel zur Einstellungspolitik der Personalabteilung im eigenen Unternehmen oder beim Branchenleader. Oder man verfolgt, welche Sorgen die Nachbarn plagen und ob sie grössere Anschaffungen tätigen. Aufgrund der meist geringen Anzahl solcher Beobachtungen sollte das persönliche Umfeld allerdings auch nicht überbewertet werden.

KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm gibt zu bedenken: "Es ist schwierig, Wendepunkte zu erkennen. Vor allem wenn sie durch unvorhersehbare Ereignisse wie 9/11 oder die Lehman-Pleite ausgelöst werden." Da unerwartete Ereignisse wie Terroranschläge oder Naturkatastrophen regelmässig negativer Natur sind, besteht in der Tat eine Tendenz zu zahlreichen Revisionen nach unten. Es liege deshalb in der Natur von Konjunkturprognosen, dass das Wachstum eher überschätzt werde, so Jörg Hinze vom Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA). Auf den Punkt gebracht: "Exakt zutreffende Prognosen sind eher Zufall, Prognosefehler im Sinne von nicht genauer Übereinstimmung zwischen Prognose-und Ist-Werten der Normalfall."

Um zuverlässigere Prognosen zu generieren, werden heute neue Datenquellen und Erhebungsmethoden evaluiert. Bereits gibt es mehrere Studien, die auf Basis von Suchabfragen auf Google eine Prognosekraft ableiten. So haben die Forscher Concha Artola und Enrique Galán in der Studie "Tracking the Future on the Web" den Zusammenhang zwischen Google-Abfragen nach Automarken und den tatsächlichen Autoverkäufen nachgewiesen. Auch im Tourismussektor sind solche Korrelationen offensichtlich. Der Reiz solcher Analysen besteht sowohl in der hohen Aktualität der Daten wie auch in der Beinahe-Repräsentativität - aufgrund der breiten Internetnutzung.

Das gilt auch für die Analyse von Google-Suchabfragen nach Luxusmarken wie Rolex, Omega oder Louis Vuitton in den USA. Sinkt die Zahl der Suchabfragen nach Luxusmarken, dann deutet das darauf hin, dass eher wirtschaftlich schwierige Zeiten erwartet werden und die Aktienkurse einige Monate später fallen (siehe Grafik "Suchabfragen bei Google" auf Seite 99). Da der Indikator erst gerade nach oben gedreht hat, könnte das ein Einstiegssignal für Investoren werden. Die Wende nach oben müsste sich allerdings erst noch weiter bestätigen für ein echtes Kaufsignal.

Satelliten im Vorhersage-Einsatz. Längst nicht nur das Verhalten von Internetnutzern bietet sich für Real-Time-Analysen und als Baustein für Frühindikatoren an. Getestet werden derzeit unter anderem Echtzeit-Analysen von Handels- und Verkehrsströmen. Dies geschieht zum Beispiel mit Hilfe von Satelliten, welche die Zahl der auf den Weltmeeren verkehrenden Frachtschiffe sowie ihre Geschwindigkeit aufzeichnen.

Die Gegenwart hier und jetzt beobachten: "Now-Casting" heisst dieser Trend, dem sich allerdings die etablierten Prognoseinstitute nur zögerlich zuwenden. Für David Marmet, Leiter Volkswirtschaft Schweiz bei der ZKB, steht aber fest, dass Real-Time-Analysen ein grosses Potenzial haben. Umfragebasierte Erhebungen könnten so ins Hintertreffen geraten: "Von der Durchführung von Umfragen bis zur Publikation der daraus gewonnenen Resultate verstreicht bekanntlich viel Zeit."

In der Kritik stehen insbesondere Fragen, die in die Zukunft gerichtet sind, allerdings erheblich vom aktuellen Zeitgeist beeinflusst werden. So befragt die Credit Suisse beispielsweise im sogenannten ZEW-Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung Analysten in der Schweiz nach der Konjunkturtendenz der kommenden Monate. Oder das Seco erhofft sich von Konsumenten Aufschluss über künftige grössere Anschaffungen.

"Wir müssen neue kurzfristige Indikatoren gewinnen", fordert Klaus Zimmermann angesichts der voranschreitenden Internetökonomie. Die aktuelle Standortbestimmung sei ja schon höchst anspruchsvoll. "Internetdaten, die praktisch kontinuierlich erhoben werden können, helfen uns, die gegenwärtige Lage zu bestimmen." Als Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) hat Zimmermann den Toll-Index lanciert, der Maut-Daten aus dem Gütertransport auf den Autobahnen verwendet.

Vernachlässigte Börsenindizes. Neben realwirtschaftlichen Fakten sollten Daten zu Finanzströmen ein stärkeres Gewicht haben, meint Susanne Haury von Siebenthal von Publica, der Pensionskasse des Bundes. Diese ist die grösste Pensionskasse der Schweiz und somit einer der wichtigsten Adressaten von Konjunkturdaten. Haury von Siebenthal steht mit dieser Aussage nicht allein. Auch andere Experten wie Finanzmarktprofessor Erwin Heri sehen gerade die Börsenindizes als wertvolle Signalgeber. Schliesslich seien in den Aktienkursen alle zurzeit verfügbaren Informationen unmittelbar enthalten. Viele Prognostiker vernachlässigen diesen Sektor jedoch sträflich.

Die Relevanz eines einzelnen Indikators bemisst sich objektiv an der Reaktion der Märkte. So reagieren die Börsen besonders sensibel auf aktuelle Arbeitsmarktdaten. Stark beachtet werden etwa die Neuanträge für die Arbeitslosenhilfe in den USA. Ebenfalls hohe Beachtung erhalten die monatlichen Erhebungen unter Einkaufsmanagern in der Industrie (siehe Grafik "Einkaufsmanager" auf Seite 99), die Detailhandelszahlen, das Konsumstimmungs-Barometer sowie die ersten staatlichen Quartalsschätzungen zum Bruttoinlandprodukt.

Verlässliche Halbleiterindustrie. Aufgrund des Anteils am Welt-BIP geniessen Daten aus den USA und der Eurozone hohe Aufmerksamkeit. Das gilt auch für die aufstrebenden BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China. Die Investoren blicken jedoch deshalb vorwiegend Richtung Amerika, da die USA bezüglich Transparenz und Aktualität der Daten einen grossen Vorsprung besitzen. Das hilft mit, die Börsen an der Wall Street als globale Leitindizes zu bewahren.

Der Geschäftsgang von Konzernen wird manchmal ebenfalls als eigentlicher Konjunkturindikator betrachtet: Einerseits wenn sie global tätig sind und ein breites Tätigkeitsportfolio aufweisen wie etwa Philips oder General Electric. Andererseits finden gewisse Firmen in frühzyklischen Branchen wie dem Rohstoffsektor Beachtung.

In der Mediengesellschaft erhalten überdies negative Nachrichten wie Stellenabbau ein hohes Gewicht. Treffen solche Meldungen ein, dann verschlechtert sich die Konsumentenstimmung. Das wiederum belastet den Konsum. Trendanalysen von Medieninhalten werden heutzutage in der Verhaltensökonomie (Behavioural Finance) eingesetzt. Fondsmanager, die ihre Anlagestrategie danach ausrichten, verwenden ebenso solche Analysen.

Neben Daten aus einzelnen Ländern und Zonen sind globale Konjunkturdaten besonders wertvoll. Dazu gehören etwa die Fracht- und Passagierdaten der IATA, des internationalen Branchenverbandes der Luftfahrtindustrie. Die Daten zur Luftfracht weisen derzeit kaum auf eine Expansion der Wirtschaftsaktivität hin, was Investoren eher zu Vorsicht mahnt und dazu, mit Zukäufen zu warten (siehe Grafik "Luftfrachtverkehr" auf Seite 98).

Aufschlussreich ist schliesslich das Geschäft der Halbleiterindustrie. Nicht nur in Desktop-PCs, Notebooks und Smartphones stecken Halbleiter. Immer mehr Konsum- und Industriegüter sind von Prozessoren durchsetzt. Der Geschäftsgang dieser Branche ist ein verlässlicher Signalgeber für die Weltwirtschaft. Aktuell sind etwa die Daten der in Nordamerika ansässigen Investitionsgüter-Unternehmen (www.semi.org). Im Juni schwächten sich die Aufträge sowohl gegenüber Mai wie auch gegenüber dem Vorjahresmonat erheblich ab (siehe Grafik "Auftragslage Halbleiter" auf Seite 98). Die schlechten Halbjahreszahlen der meisten IT-Konzerne waren vor diesem Hintergrund eine logische Folge.

Selbst unter Einbezug der neuen Generation von Indikatoren ist es höchst anspruchsvoll, den Konjunkturverlauf zuverlässig abzuschätzen. Die Zyklenwerden kürzer, die Ausschläge grösser. Vor allem: Der Einfluss der Politik und der Zentralbanken ist exponentiell gestiegen. Nebst Zinssenkungen hätten die wichtigsten Zentralbanken mit unkonventionellen Massnahmen auf die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise reagiert, erklärt David Marmet von der ZKB. Die Modelle, deren sich die Ökonomen in der Vergangenheit bedient hätten, büssten einen Teil ihrer Prognosekraft ein. Marmet: "Ökonomie und Politik hängen heute wesentlich stärker zusammen."

Interview mit dem Prognosekritiker Klaus Zimmermann, Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA): Seite 102


Überzeugende Prognoseinstrumente

Just in time: Luftfrachtverkehr

Viele Produktewerden per Luftfracht transportiert - gerade auch wichtige Vorprodukte für die Industrie. Die Wendepunkte an der Börse werden hier sehr früh ersichtlich: Bereits Ende 2008 hatten die Luftfrachtraten den Tiefpunkt erreicht; an den Aktienmärktenwar dies drei Monate später der Fall. Zuletzt war dieses Barometer sehr volatil. Der Juni-Wert zeigt eine Erholung an. Die letzten Real-Time-Messungen signalisieren jedoch ein erneutes Abgleiten in die Minuszone. Investoren sollten mit Investments abwarten.

Technologie-lastig: Auftragslage Halbleiter

Halbleiter finden sich in vielen Technologieprodukten wie Smartphones, Computern und Solaranlagen. Die Auftragseingänge im Verhältnis zum Umsatz (Book-to-Bill Ratio) bei den Halbleiterausrüstern lassen Rückschlüsse auf den künftigen Geschäftsgang in der Technologiebranche zu. Der Indikator erreichte im April 2001 und im Januar 2009 Mehrjahrestiefstwerte. Diese Tiefs signalisierten auch die Wendepunkte an der Technologiebörse Nasdaq. Seit Juni 2012 zeigt der Indikator Werte unter 1 an - ein negatives Signal.

Hochaktuell: Suchabfragen bei Google

In Krisen leidet der Luxuskonsum. Das zeigt sich auch an den Suchabfragen nach Luxusmarken wie Louis Vuitton, Rolex oder Omega in den Vereinigten Staaten. Der Google-Luxus-Index erfasst die wöchentlichen Veränderungsraten der Abfragen im Verhältnis zu allen übrigen Suchabfragen. Bereits in der ersten Hälfte 2007 zeigte der Indikator nach unten, und gegen Ende 2007 rutschten die USA in die Rezession. Aktuell geht es wieder aufwärts, ein (noch) unbestätigtes Signal für Zukäufe.

Trendig: Einkaufsmanager

Die Erhebungen bei den Einkaufsmanagern der Industrie gehören zu den wichtigsten Frühindikatoren. Die Einkaufsmanager werden unter anderemnach den Trends bezüglich Aufträgen, Produktion, Lager und Beschäftigung befragt. Werte über 50 Prozent deuten auf eine expansive Entwicklung hin. Die letzten Daten und die ersten provisorischen Werte für den Monat August deuten noch nicht auf eine Trendwende nach oben hin. Die USA scheinen sich jedenfalls auf einembesseren Kurs zu befinden als die Eurozone.

Invest Indikatoren
"Vom Zufall bestimmt"
Hans Peter Arnold

Von Punktprognosen in neuralgischen Zeiten hält Klaus Zimmermann, Leiter des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), nichts. Deshalb hat er sich diesen in der Finanzkrise auch verweigert.

BILANZ: Konjunkturprognosen sind oft falsch. Woran liegt dies?
Klaus Zimmermann: Man kann nicht mehr erwarten. Gerade an den Wendepunkten - mitten im Boom oder in der Rezession - ist die Konjunkturentwicklung vom Zufall bestimmt.

Erklären Sie das bitte.
Erst wenn in diesen neuralgischen Phasen der Auf- oder der Abschwung ersichtlich wird, lässt sich die nähere Zukunft relativ sicher prognostizieren. Im Allgemeinen bewegt sich die Prognosesicherheit in kritischen Phasen in einem solch grossen Intervall, dass man die öffentlich genannten Punktprognosen eigentlich vergessen kann. Die Abweichungen davon sind viel zu gross.

Sie kritisieren das Herdentrieb-Verhalten der Prognostiker.
Es gibt weltweit eine Grosszahl von Konjunkturprognostikern, die sich alle gegenseitig beobachten. Je weniger ein Analyst weiss, umso sicherer ist es für ihn, wenn er dem allgemeinen Trend - der Herde - folgt. Allerdings: Wenn kaum ein Institut in einem volatilen Umfeld die Relevanz erkennt, dann kommt es zu massiven Fehlprognosen.

Es scheint, dass die Prognostiker mit ihren Revisionen dem Trend hinterhereilten.
Ja, aber es gibt ein simples praktisches Problem: Wendepunkte sind schon deshalb spät zu erkennen, weil die relevanten Daten für die Analyse zunächst nur als vorläufige Schätzungen vorliegen.

Auch am verlässlichen Prognosehorizont scheiden sich die Geister.
Tatsächlich haben Forschungsergebnisse gezeigt, dass beispielsweise die deutschen Konjunkturprognosen, die jeweils zum Beginn eines Jahres veröffentlicht werden, überhaupt nichts mit der Realität zu tun haben. Das hat die letzte grosse Krise wieder deutlich vor Augen geführt. Auch verändert die Prognose selbst die Realität, da ja Regierung, Wirtschaft und Konsumenten auf solche Informationen reagieren.

Sie kritisieren die mangelnde Selbstkritik der Konjunkturforscher.
Man muss es zugeben, wenn man in einer Krise nichts mehr genau weiss. Auch laufen Konjunkturforscher Gefahr, die Krise mit Panikprognosen zu verstärken. Viele Konjunkturforscher befürchten jedoch, dass sie in diesem Fall nicht mehr ernst genommen werden. Die Wahrheit kann aber doch nicht falsch sein. Das Problem ist die grosse Konkurrenz unter den Prognostikern.

Sie plädieren für eine realistischere Sicht der Dinge?
Ja. Auch Erdbebenforscher werden respektiert, obwohl sie kein Erdbeben unmittelbar vorhersagen können. Nach bestimmten Regeln erfolgte Revisionen von Prognosen erhöhen die Glaubwürdigkeit - auch dann, wenn Irrtümer in den Annahmen zugegeben werden.

Es scheint, als ob die Konjunkturforscher den Finanz- und Rohstoffmärkten etwas unbeholfen gegenüberstünden.
In der Tat: Diese Sektoren werden in den Prognosemodellen kaum berücksichtigt. Das ist ein grosser Fehler, der korrigiert werden muss.

Stört es Sie, dass Konjunkturprognosen in den Medien und der Gesellschaft einen solch hohen Stellenwert haben?
Ich stelle eine gewisse Diskrepanz fest: In den Medien werden Konjunkturprognosen gerne als Königsdisziplin der Ökonomen angepriesen. Gleichzeitig werden die häufigen Fehlprognosen heftig attackiert. Hier sollte man besser zur Kenntnis nehmen, dass es für das Hochjubeln dieser Teildisziplin keine solide Basis gibt.
Interview:

Klaus Zimmermann ist Direktor des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn und Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften an der Universität Bonn. Bis Februar 2011 war er Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. In den letzten Jahren hat sich Zimmermann zum Kritiker der etablierten Prognoseforscher gemacht.




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